Der Mensch als Maschine

Der Mensch als Maschine

An dieser Stelle möchte ich eine gewagte These aufstellen:

Der letzte Zeitpunkt, zu dem Angestellte noch echte Menschen sein durften, liegt vor der Industrialisierung. Einige der Älteren werden sich vielleicht erinnern.

Mit der aufkommenden Hochindustrialisierung in Deutschland, Anfang des 20. Jahrhunderts, hat sich der Mensch immer mehr zum Produktionsfaktor gewandelt. Das sogenannte „Humankapital“ ist seitdem in aller Munde. Die Arbeit wurde bis ins Kleinste aufgesplittet und Menschen zugewiesen, die sie dann immer mechanischer erledigt haben. Jeder Handgriff musste sitzen, Fehler störten den Arbeitsablauf und wurden weitgehend ausgemerzt. Platz für Individuen gab es nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Je gleicher, desto besser. Fiel ein Produktionsfaktor (Mensch) aus, konnte er direkt durch einen beliebigen anderen ersetzt werden: Der Mensch als Maschine

Heute wie früher

Tatsächlich haben wir niemals damit aufgehört. Anders kann man nicht erklären, dass auch heute unter Einsatz der verschiedensten Mittel versucht wird, alle Mitarbeitenden möglichst gleich zu machen. Und an dieser Front haben Unternehmen wirklich die kreativsten Ideen entwickelt. Das geht so weit, dass vor allem junge Bewerber kaum Chancen auf eine Stelle haben, wenn sie nicht einen perfekt gestriegelten Lebenslauf vorweisen können. Ausreißer werden nicht gerne gesehen. Und natürlich sind die Generationen lernfähig und verstehen es, sich diesem Bild möglichst weit anzupassen, um berufliche Chancen zu haben, oder sich diese zumindest nicht zu verbauen. Curriculum Vitae, Arial, Fontgröße 12 – Für einige ist das zur Lebenseinstellung geworden.

Das stereotype Bild des typischen Unternehmensberaters ist unter anderem aus genau diesem Grund entstanden. Beratungsunternehmen sind die Spitzenreiter des Gleichmachens. Wer versucht andere Unternehmen zu optimieren und zu standardisieren, der wird das natürlich zu allererst auch im eigenen Unternehmen tun. Was daraus entsteht ist genau das: Standard. Und das ist exakt das Gegenteil von dem, was Menschen eigentlich sind, nämlich Individuen. Guckt man sich die Rollkoffer-Workforce aber an, muss man sich eigentlich nur ein Gesicht und einen Namen merken: Erika/Max Mustermann.

„Guten Tag, Frau/Herr Mustermann.“

„Guten Tag. Kennen wir uns bereits?“

„Nein, ich habe geraten.“

Die wichtigsten Gleichmacher

Natürlich machen wir heutzutage unsere Mitarbeitenden nicht mehr mit Hilfe von Maschinen gleich. Dafür haben wir andere Mittel erfunden. Compliance und Kodizes. Wer kennt nicht die Leitsätze auf Unternehmenswebsites? Aus einem Standardkatalog sucht man sich dazu fünf gut klingende Werte aus und erfindet einen möglichst sinnfreien Spruch dazu. Fertig! Im besten Fall handelt es sich nur um reine Werbeaussagen. Im schlimmsten Fall hat die Geschäftsführung verlangt, diese Werte auch tatsächlich im Unternehmen durchzusetzen.

Der zweite große Gleichmacher ist das Prozessmanagement. Natürlich ist es gut seine Prozesse zu kennen und gegebenenfalls zu überdenken, wo sie aus dem Ruder laufen, oder schon seit 20 Jahren irgendwie nicht rund sind. Je umfangreicher der Prozess, desto sinnvoller. Und schließlich ist „Das haben wir schon immer so gemacht!“ ja auch eine Verweigerungshaltung. Die Frage ist aber, ob man jeden noch so simplen Prozess standardisieren muss. Das ist nicht der Stoff aus dem mündige Mitarbeiter entstehen. Niemand, der so etwas in einem Unternehmen implementiert, darf sich hinterher wundern, dass die Mitarbeitenden nicht mehr in der Lage sind, eigenständige Entscheidungen zu treffen.

Wenn wir unseren Mitarbeitenden einen Standard aufzwingen, sie damit dazu bringen, anders zu sein als sie sind und sie in ein starres Korsett zwängen, dann verbiegen wir sie erst recht. Und das führt über kurz oder lang ganz zielsicher in Richtung Unzufriedenheit.

Lassen wir also unseren Mitarbeitenden ihre Freiheiten, schränken sie nicht zu sehr ein. Die Möglichkeit zu selbstbestimmtem Arbeiten ist heute mehr denn je ein entscheidender Faktor, wenn es um die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit im Job geht. Alles, was unnötig einschränkt, stört und muss weg. Das tut Ihrem Unternehmen gut und vor allem auch Ihren Mitarbeitenden. Die werden sich dann nicht mehr bevormundet, sondern ernst genommen fühlen.

Gegen die Robotisierung der Mitarbeitenden.

Gegen den Menschen als Maschine.

Für mehr Selbstbestimmtheit.

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